Konzertkritiken

Carl Theodors Ballettwerkstatt 15. September 2019, Heiliggeistkirche Heidelberg

Die Faszination des Handlungsballetts, einer Choreografie, die ohne Worte eine Geschichte erzählt, war seit dem selbst gern tanzenden "Sonnenkönig" Louis XIV. von Versailles ausgehend in ganz Europa sehr verbreitet. Auch am Heidelberger Hof kam es Anfang des 18. Jahrhunderts zu einer kurzen Blüte dieses theatralen Genres[...]

Die Musiker des Mannheimer Hof-Orchesters, fast allesamt auch Komponisten, verfassten viele solche Stücke - die wenigsten haben allerdings die Zeiten überdauert, die meisten verbrannten 1945 im alten Nationaltheater.

Wie der Dirigent und Musikwissenschaftler Timo Jouko Herrmann zu Beginn des Konzerts in der Heidelberger Heiliggeistkirche zurecht hervorhob, handelt es sich dabei auch "um das kulturelle Erbe unserer Region", und daher ist das auf mehrere Jahre angelegte Projekt der Heidelberger Sinfoniker in Zusammenarbeit mit der Ballettwerkstatt Heidelberg, noch erhaltene Schätze wieder zum (Bühnen-) Leben zu erwecken, herzlich zu begrüßen. Die Stadt Heidelberg fördert es im Rahmen des Kulturfonds KulturLabHD.

Nun war als erste Produktion ein Werk von Christian Cannabich zu erleben, "Ceyx et Alcyone", das am 5. November 1762 als eines von zwei Zwischenakt-Balletts zur Oper "Sofonisba" von Tommaso Traetta in Mannheim uraufgeführt wurde[...]

Die Musik lohnt ihre Wiederausgrabung[…]machen viel Effekt und sind als Musik der "Mannheimer Schule" gut zu identifizieren: Dynamische Crescendo-Walzen, blitzende "Raketen" (schnell auffahrende Tonleitern) und schrille Kontraste sind unverkennbar und waren auch in den einleitenden Sinfonien von Johann Stamitz und Peter von Winter gut herauszuhören.

Die Sinfoniker unter Timo Jouko Herrmann spielten mit Rasanz und punktgenauer Rhythmik, was in der halligen Akustik der Heiliggeistkirche seine Wirkung nicht verfehlte. Man merkte deutlich, dass die Musiker mit dieser Musik bestens vertraut sind.

Die tänzerische Umsetzung der Ballettwerkstatt (Choreografie: Wiebke Hofmann und Paolo Amerio) war beeindruckend und brachte mit wenigen Mitteln erstaunliche Abwechslung ins Geschehen. Die jugendlichen Tänzerinnen und Tänzer (die Hauptrollen waren aus der Gruppe von zwölf Beteiligten perfekt besetzt worden) hielten den Spannungsbogen über 40 Minuten auf hohem Niveau.

Von Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung 17.09.2019

Jubiläumskonzert 22. Juni 2019, Stadthalle Heidelberg

Zuletzt war es pure Lebensfreude

Standing Ovations für 25 Jahre Heidelberger Sinfoniker mit Geiger Thomas Zehetmair

Mit ihm hat schon alles begonnen: Beethoven [...] wählten die Heidelberger Sinfoniker nicht nur für ihr Gründungskonzert.[ …]Eine seiner Sinfonien hat sich Thomas Fey jedoch immer aufgespart, vielleicht für dieses 25-Jahr-Jubiläum? Umso tragischer, dass er nicht mehr am Dirigentenpult für Beethovens „Eroica“ stehen kann. Aber es wird ihn mit Stolz erfüllen, welch grandioses Orchester er in diesem Vierteljahrhundert zusammengeschmiedet hat. […]

Zum Jubiläum übernahm der Geiger selbst das Dirigat, das den Sinfonikern zum Einstieg ein üppiges Volumen entlockte. Unablässig drängte das Pochen nach vorne, während sich der Solist genüsslicher den romantischen Melodien hingab. [...] Zunehmend hatte er sich in seiner Dirigentenrolle warmgespielt, entlockte dem Orchester je nach Anlass charakteristische Farben, nahm das Geflecht auseinander, um mehr Einzelheiten herauszufiltern .[...] Interessant behandelte der Geiger die Hauptmelodie in der Kadenz, die im famosen Dialog mit der Pauke stattfand. Zehetmair hatte die Klavierfassung des Violinkonzertes für Geige zurücktranskribiert. Ein absoluter Höhepunkt, nach dem er sich raffiniert wieder ins Orchestergeschehen einfand. Als anrührendes Wiegenlied eröffnete er das Larghetto, ohne aber dessen friedvolle Schlichtheit anzutasten. [...] Umso lebhafter stürmten die Musiker ins Rondo. […]

Ähnlich knallig mochte es Zehetmair für die „Eroica“, für die er klare Vorstellungen hatte.[...]

Zuletzt war es pure Lebensfreude. Hatte Stefan Müller-Ruppert in der euphorischen Laudatio vom Abenteuer Heidelberger Sinfoniker gesprochen, erlebte man hier das Abenteuer Beethoven.

Von Simon Scherer, Rhein-Neckar-Zeitung, 25.6.2019  

Sinfoniekonzert 10. März 2019, Illertissen

Die Heidelberger Sinfoniker zeigen sich zusammen mit dem Violinvirtuosen Thomas Zehetmair in Höchstform

Im kommenden Jahr wird Beethovens 250. Geburtstag gefeiert. Er war der revolutionärste Komponist des 19. Jhd[....] Im Vorfeld dieses Jubiläums ist die Frage legitim, ob man heute Beethovens Musik gerecht werden kann. In Illertissen haben Thomas Zehetmair und ein hochkarätiger Klangkörper aus Heidelberg für eine frische Interpretation der Musik Beethovens gesorgt. Die Heidelberger Sinfoniker sind ein Orchester mit dem Schwerpunkt Wiener Klassik und frühe deutsche Romantik und gelten als ein führender historisch-informierter Klangkörper. Und der österreichische Dirigent und Virtuose Thomas Zehetmair[…]ist ein fabelhafter Partner für dieses Orchester. Für den Abend wurden zwei große Brocken Beethovens ausgewählt, an denen sich alle Orchester und Interpreten messen lassen müssen: Beethovens Violinkonzert und seine Eroica-Sinfonie[…]Zehetmair ließ das Orchester groß aufspielen und setzte dann zurückhaltend ein. Er mied alles jubilierend Glatte und suchte einen Ton, der auch kratzt und schabt. Dadurch schuf er beeindruckende Gegensätze. Und das Orchester unterstützte ihn. In ähnlicher Art und Weise gestalteten die Heidelberger Sinfoniker unter dem Dirigat von Zehetmair die Eroica-Sinfonie. Beethoven selbst nannte sie seine bedeutendste Sinfonie. Das Heidelberger Ensemble konnte sie auch tatsächlich so zum Klingen bringen. Zehetmair forderte vom Orchester einen höchst differenzierten Klang in allen dynamischen Stufen und rhythmischer Präzision. Ergebnis war eine begeisternde und virtuose Darbietung von Beethovens schroffem Meisterwerk ganz ohne Weichspüler[…].

Südwestpresse, 13. März 2019, Andrea Fadani

Die Heidelberger Sinfoniker faszinieren in der Festhalle des Illertisser Kollegs mit ihrer besonderen Spielweise

Wenn der Dirigent den Taktstock durch seinen Geigenbogen ersetzt, klingt das spannend – wie auch Sonntagabend in Illertissen mit Thomas Zehetmair und den Heidelberger Sinfonikern zu erleben war. Der Sologeiger verstand es, beide Rollen miteinander zu verbinden[…] Der Abend stand ganz im Zeichen Ludwig van Beethovens und für die Sinfoniker war es nach Kufstein und Heidelberg das dritte Konzert mit diesem Programm. 400 Besucher waren in die Festhalle des Kollegs gekommen und applaudierten begeistert. Dabei schien es dem 49 Musiker zählenden Ensemble selbst Freude zu bereiten, den Saal mit virtuosem Spiel, mal sattem, mal zartem Klang zu füllen. Den Auftakt bildete das bekannte Violinkonzert in D-Dur, das 1806 in Wien uraufgeführt wurde. Ihm wird Vorbildcharakter für spätere Komponisten nachgesagt, aber auch, dass es schwer zu spielen sei.

Die Heidelberger Sinfoniker begannen ihre Aufführung temporeich und mit großer Klangfülle. Thomas Zehetmair hatte Geige und Bogen schon in der Hand, als er sich von der Dirigentenposition zum Publikum umdrehte und sein Solospiel begann. Als ob beim Beobachten der hin- und herrasenden Finger die technische Perfektion besser zu erfassen, die filigranen Klangunterschiede schöner zu hören seien, richten sich alle Augen auf ihn. Etwa bei ausgedehnten Trillerpassagen, die der Künstler in unterschiedlichen Tempi und Lautstärken geradezu zelebrierte, ohne sie romantisch zu überfrachten. Seine rasanten Läufe waren atemberaubend. Zugleich hatte der Virtuose stets das Ensemble im Blick[…]ein ungewöhnliches Klangerlebnis war auch, wie sich Sologeige und Pauke im Duett begegneten[...] Weniger romantisch und ohne Geigensoli sondern heroisch mit kurzen, hämmernden Noten hat Beethoven die dritte Sinfonie in Es-Dur komponiert. Sie wurde 1805 uraufgeführt und hat den Beinamen „Eroica“ – zu deutsch: die Heroische. Die Sinfoniker setzten dieses Bild hörbar deutlich um [...] die atemlose Spielweise hielt bis zum Schluss, den die Pauke theatralisch vorbereitete. Das Publikum zeigte sich ergriffen, etliche blieben länger sitzen als nötig.

Augsburger Allgemeine 11. März 2019, Regina Langhans

Neujahrskonzerte, 1. Januar 2019, Stadthalle Heidelberg

Mitreißender Tanz-Mix zum Jahresauftakt

Heidelberger Sinfoniker mit Ballettwerkstatt und Tango Flores Mannheim gleich zweimal in der Stadthalle

Beim Neujahrskonzert im Wiener Musikverein kam lediglich das Fernseh- Publikum in den Genuss von Ballett zu Walzer & Co. Die Heidelberger Sinfoniker servierten in einer ausverkauften Stadthalle hingegen gleich beides, da sie den Eröffnungs-Titel zum Motto des kompletten Programms machten: Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“.

Dessen malerisches Cello entführte allerdings zunächst in eine ländliche Idylle à la „Freischütz“, wo sorgfältig und punktgenau musizierende Sinfoniker volkstümliche Festlichkeit äußerst pointiert zelebrierten, sodass nichts auszuufern drohte, sondern alles wohl überlegt und ausgetüftelt akzentuiert wurde. Ein großes Lob an Gastdirigent Michael Hofstetter.

Mit Mozarts „Schlittenfahrt“ vervollständigte die Heidelberger Ballettwerkstatt (Leitung Wiebke Hofmann) das Bühnenbild, als verkleidete Rehe zum Schlittengeläut von der Orgelempore die Primaballerina hereinkutschierten. Hier noch munter und verspielt, wurden die Tänzerinnen in düsterer Orchesterdramatik von Glucks „Tanz der Furien“ [….] Wie verhext verschwammen ihre gelenkigen Körper samt waghalsigen Sprüngen mit den Musikern zum furiosen Gesamtkunstwerk. Bravo! Beim Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie überlegte Stefan Müller-Ruppert in seiner geistreich-kurzweiligen Moderation, ob dessen Rhythmus kontemplative Ruhe und Frieden ausstrahle oder eher an Prozessionen und Schreittänze erinnere.

Sein Augustinus-Zitat, wonach Tanz den Menschen von der Schwere der Dinge befreie, stand im gelungenen Gegensatz zu Hofstetters Interpretation. Die rückte nämlich mit schwer getragenem Tempo das resignative Element in den Mittelpunkt, wo sich nicht nur dynamisch alles nah am Abgrund bewegte. Ein Trauermarsch im Endstadium der Verzweiflung, die immer noch stärkere Ausmaße annahm. Selbst aufatmende Holzbläser-Melodien konnten keine wirkliche Kehrtwende einleiten.

Da konnte Rossinis energisch aufbrausender „Pas de six“ deutlich schneller in auflockernde Fröhlichkeit springen, dessen unbekümmerter Auftakt von den Sinfonikern immer spritziger weitergesponnen wurde. Eigentlich spielt Offenbachs Cancan in der Unterwelt, was bunte Kostüme, hoch schwingende Beine und hell-freudige Spielmanier allerdings schnell vergessen machten. Wieder zaghaft wurde nach einer herzzerreißenden Oboe der Ohrwurm aus dem „Künstlerleben“ von Johann Strauss (Sohn) angegangen, als engelsgleiche Ballerinas voller Anmut auf die Bühne schritten. Auch die Geigen hätten ihre Weisen nicht anrührender vortragen können.

Fontanes „Trost der Stunden“ stellte Müller-Ruppert Amilcares Ponchiellis „Tanz der Stunden“ voran:[…] womit sich die Sinfoniker als hervorragende Klangmaler mit sensiblem Gespür für sämtliche Stimmungsebenen und Szenenwechsel profilierten.

Zu Hindemiths „Foxtrott der Holzpuppen“ wurde passend in Marionettenmanier getanzt, bevor sich zu Piazzollas „Libertango“ die Mannheimer „Tango Flores“ hinzugesellten. Dem klanglich experimentierfreudigen Orchester setzten Isabella Bayer und Jaro Cesnik geheimnisumwobene Sinnlichkeit gegenüber, die bei leidenschaftlicherem Musizierstil stets höchste Eleganz wahrte.

Ein rundum gelungener Jahresauftakt mit fabelhafter Leistung aller Beteiligten und absolut geglückter Programmauswahl, deren Zugaben neben Brahms’ 5. Ungarischem Tanz und Strauß’ „Leichtem Blut“ natürlich den „Radetzkymarsch“ nicht missen ließ.

Rhein-Neckar-Zeitung, Simon Scherer, 3. Januar 2019

Sinfoniekonzert, 7. Oktober 2018, Konzerthaus Dortmund

Mozart-Matinée mit den Heidelberger Sinfonikern und einem jungen Trompeten-Solisten

[...] Gleich beim ersten Werk des Abends, der Sinfonie Nr. 35 in D-Dur KV 385, der sogenannten Haffner Sinfonie, von Wolfgang Amadè Mozart wurde mit dem über zwei Oktaven herauf- und herabspringende Thema und dem nachfolgenden Triller sehr energisch und pointiert begonnen mit starkem Gegensatz zum kurzen p-Intermezzo. Durchhörbar ließ sich das einzige wirkliche Thema des Satzes mit seinen musikalischen Abspaltungen verfolgen. Im Gegensatz dazu hörte man vom Orchester im langsamen Andante intime Serenadenklänge . Beim knappen Menuett freute man sich über das nachdrückliche Ritardando der Akkorde nach dem ersten Aufschwung-Motiv, beim noch knapperem Trio in der Mitte am Zusammenspiel von Oboen, Fagott und Geige. Wie von Mozart vorgeschrieben wählte der Dirigent ganz rasches Tempo für das an die „Figaro“-Ouvertüre und sogar „Osmin“ -Motive aus der „Entführung“ erinnernde finale Presto.

[...] Hier hatte der in Kasachstan geborene und in Hamburg studierende Trompeter Zhassulan Abdykalykov die Chance, mit den Heidelberger Sinfonikern eines der wichtigen Solokonzerte seines Instruments, das Trompetenkonzert in Es-Dur von Johann Nepomuk Hummel spielen zu können, komponiert 1803 für denselben Trompeter, für den auch Haydn sein Trompetenkonzert schrieb. Wenngleich der Dirigent in einer launigen Einführung mit gesungener Darstellung der Themen das Konzert als „Mozart unter gezuckerter Sahne“ bezeichnete, gibt es doch dem Interpreten Gelegenheit, sein Können mit allen klanglichen Möglichkeiten des Instruments vorzuführen. Dies gelang dem 26-jährigen Trompeter vortrefflich. Die jedem Musikfreund bekannten Fanfarenklänge beim ersten Einsatz der Trompete und der folgenden thematischen Durchführungen zeigten durch gekonntes Spiel ihre Wirkung. Im langsamen Andante bewunderte man die langen Kantilenen mit exakt geblasenen Trillern. Der letzte Satz mit dem ebenfalls bekannten Rondo-Thema zeigte in unheimlich raschem Tempo das grosse virtuose Können des jungen Trompeters. Das Zusammenspiel mit dem Orchester klappte bei allen drei Sätzen reibungslos. Zu Recht dankte das Publikum mit langem Beifall und Bravos.

[...] Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen erste Sinfonie[...] Vielmehr kann man sie eher als „Sturm und Drang“ charakterisieren, insbesondere im wilden ersten Satz „Allegro di molto“ – dieser doch mit Anklängen an Beethovens Coriolan-Ouvertüre, die ja auch in c-moll steht. Im langsamen Andante konnten insbesondere die Holzbläser des Orchesters in harmonischen Klängen schwelgen. Das Menuett zeigte zwar Anklängen an Mozart, wurde aber fast wie ein Scherzo Beethovenscher Prägung gespielt. Der letzte Satz hat vielleicht noch am meisten wilden c-moll Charakter, den das Orchester durchaus betonte. Der junge Mendelssohn probiert hier vieles aus. So spielte der Klarinettist ganz kantabel zu einer pizzicato-Begleitung der Streicher. Mendelssohn zeigte, daß er auch ein Fugato komponieren konnte, das vom Orchester gut hörbar gespielt wurde. Zum Schluß gab es eine sich zu ganz schnellem Tempo steigernde pompöse Coda, die das Publikum natürlich zu langem Beifall und Bravos anregte. Das Orchester bedankte sich mit Mozart´s „Figaro“ – Ouvertüre [...].

Online Merker, Sigi Brockmann, 9. Oktober 2018

Sinfoniekonzert, 30. September 2018, Stadthalle Heidelberg

Drei Wunderkinder, ein Superorchester

Johannes Klumpp ist der richtige Mann. Der Stuttgarter passt zu den Heidelberger Sinfonikern wie ein Deckel auf den Topf: Er studierte in Weimar, ließ sich in Meisterkursen von Masur, Rozhdestvensky und Jurowski auf Spur bringen und dirigierte dann in ganz Europa. Bei Reinhard Goebel soll er sich über Historische Aufführungspraxis informiert haben und kann "historisch" musizieren.

Zum wiederholten Mal bewies er das nun beim Konzert der Heidelberger Sinfoniker in der Stadthalle. Mozarts "Haffner"-Sinfonie hatte motivischen Biss und klangliche Schlagkraft, sangliche Delikatesse und Flexibilität in der Dynamik. Das klang frisch bei vibratolos spielenden, gut artikulierenden Streichern (auch wenn diese nicht immer exakt zusammengingen).

Bezaubernd zart interagierten die Holzbläser, militärisch zackig ließen sich Trompeten und hart schlagende Pauke hören. Das hatte Pfiff und Schmackes, wo es nötig war. Der Vielgestaltigkeit von Mozarts Ideenreichtum entsprach diese Wiedergabe kongenial.

Die Sinfoniker sind also, nach langem Krisenmanagement, wieder da: Es freut einen. Diese Farbe hat gefehlt in der Heidelberger Orchesterlandschaft. Johannes Klumpp sei Dank, der drei Wunderkinder aufs Programm gestellt hatte: neben Mozart noch Hummel und Mendelssohn. Der Maestro mit dem zackigen Schlag erwies sich ganz nebenbei auch als humorvoller und kundiger Moderator des Konzerts, der bestens gelaunt jeweils in die Werke einführte.

Hummels Trompetenkonzert Es-Dur mit dem Solisten Zhassulan Abdykalykov aus Kasachstan hielt virtuose Geläufigkeit bereit, die der in Moskau und Hamburg ausgebildete Musiker mit brillantem Ton demonstrierte. Die Duopartner im Orchester, vor allem die Oboe, folgten dem Solisten höchst sensibel.

Mendelsohn Bartholdys erste große Sinfonie (c-Moll, op. 11) ist eigentlich noch eine Jugendsinfonie des Fünfzehnjährigen, aber die Wiedergabe der Heidelberger Sinfoniker ließ keinen Zweifel daran, dass dieser früh reife Genius eine machtvolle Stimme war in der Musik seiner Zeit. Ein fantastischer Abend, ein Superorchester, ein fabelhafter Dirigent.

 

Rhein-Neckar Zeitung, Matthias Roth,04.10.2018

Sinfoniekonzert, 10. März 2018, Stadthalle Heidelberg

Dirigiert er mit den Wimpern?

[...]Der Dirigent Johannes Klumpp scheint kein Mann großer Worte zu sein. Zumindest beim Dirigieren beschränkt er seine Armbewegungen auf das Nötigste. Bei der Zugabe, dem Finalsatz aus Mozarts großer Es-Dur-Sinfonie, KV 543, hielt er seine Hände sogar demonstrativ an der Hosennaht. Und doch lief dieser wiederholte Satz, der im Tempo rasch genommen wurde und für die Streicher (einschließlich der Kontrabässe) hoch virtuose Passagen enthält, wie am Schnürchen ab. Womit dirigiert dieser Maestro eigentlich, mag sich da mancher in der Stadthalle gefragt haben? Mit den Wimpern?

Bei der Zugabe wurde es scherzhaft übertrieben deutlich: Er dirigiert mit Schultern, Hüfte und Beinen. Dem ganzen Körper und sicher auch dem Gesicht. Dirigieren ist eben Körpersprache, das demonstrierte Klumpp auch schon während des Konzerts, wenn auch subtiler. Der Kontakt zwischen ihm und den Musikern war klar und unmissverständlich. Das hörte man bei Tutti- Einsätzen, die er so vorbereitete, dass sie messerscharf klangen, wie geschnitten. Etwa beim Eröffnungsakkord zu Joseph Martin Kraus’ Ouvertüre zur Mammut-Oper „Aeneas in Cartago“ oder bei Mozarts Ouvertüre zu „Don Giovanni“.

Der Stuttgarter Johannes Klumpp empfahl sich als Mozart-Kraus-Dirigent aber vor allem durch die Transparenz und Flexibilität des Orchesterklangs, der mal dick und kräftig sein konnte, dann aber auch luzide und fragil. Das Heidelberger Freelance-Orchester, das vor annähernd 35 Jahren gegründet wurde, fand unter Klumpps Leitung auch den unverkennbaren Sound seiner früheren Jahre wieder, mit konsequent non-vibrato spielenden Streichern, kräftig schmetternden, ventillosen Trompeten und Holzbläsern, die im Trio des Menuetts Spaß am deftigen Klang haben.

Im c-Moll-Klavierkonzert von Mozart, das Bernd Glemser mit lyrischer Emphase interpretierte, fielen dann auch Unterschiede der Artikulation unverkennbar ins Auge: Der Solist, mit dem die Sinfoniker häufig musizierten, setzte auf die Ausgeglichenheit der einzelnen Töne, während das Orchester eine differenziert sprechende musikalische Ausdrucksweise bevorzugte, die der Fingerfertigkeit des Würzburger Klavierprofessors eine inspirierte Eloquenz entgegensetzte. Im heiteren Finalsatz glichen sich die unterschiedlichen Auffassungen im fast sportiven Drive einander an.

Die Sinfonie zum Schluss zeigte die Sinfoniker in alter Frische: Dem spontanen „fabelhaft!“ aus dem Publikum, das diese Wiedergabe kommentierte, mochte niemand widersprechen

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Rhein-Neckar Zeitung, Matthias Roth,12.03.2018

"Klangwelten um Bach" am 3. Oktober 2017, Stadthalle Heidelberg

"Entrückend und herrlich transparent"

Die Heidelberger Sinfoniker mit dem renommierten Pianisten Martin Stadtfeld in der Stadthalle

Die Bühne in der Saalmitte, die Zuschauer rundherum […] das Ensemble musizierte inmitten der Zuschauer. Eine gute Idee. Es ist nicht das erste Mal, dass die Sinfoniker mit dem renommierten deutschen Pianisten zusammenarbeiten, der für sein Bachspiel bekannt ist. Auch in der Stadthalle standen Bach und seine Zeitgenossen im Mittelpunkt. Die Sinfoniker hingegen sind als historisch informiertes Orchester besonders auf die Wiener Klassik spezialisiert […]

Unter der Leitung von Timo Jouko Herrmann, der 2016 mit der Wiederentdeckung eines verschollenen Gemeinschaftswerkes von Mozart und Antonio Salieri für Furore gesorgt hatte, präsentierte sich das Ensemble jedoch schnell als gewohnt präziser Klangkörper. Besonders die in Richtung Frühklassik tendierenden Werke boten die Musiker herrlich transparent und mit stets ausbalanciertem Klang dar. Dynamisch ansprechend und kostrastreich erklang der erste Satz von Johann Friedrich Faschs Sinfonia in B-Dur, stürmisch aber trotzdem präzise die effektvolle Sinfonia in g-Moll von Johann Adolf Hasse.

Stadtfeld zeigte sich als barockerfahrener Gestalter, sein Spiel ist unkompliziert, in den langsamen Sätzen etwas schwelgerisch. Im ersten Satz von Bachs Konzert für Klavier und Streicher in f-Moll noch gänzlich Teil des Ensembles, interpretierte er den zweiten Satz innig zu maximal feinem Streicherpizzicato. Besonders im Gedächtnis bleibt Johann Christian Bachs weniger populäres Konzert für Klavier und Streicher in f-Moll. Im Gegensatz zu den Ecksätzen, in denen sich Stadtfelds Spiel stets harmonisch in den Gesamtklang fügt, singt er den zweiten Satz so zart und rein auf dem Flügel, dass die Zeit für einen Augenblick stillzustehen scheint. Das ist so entrückend, dass es die virtuose Prokofjew-Zugabe gar nicht braucht.

Jesper Klein Rhein Neckar Zeitung 6. Oktober 2017

"Bach und seine Söhne", 11. Mai 2017, Theater Ingolstadt

Ingolstadt (DK)

Martin Stadtfeld ist ein grandioser Interpret Johann Sebastian Bachs. In Ingolstadt gastierte er mit dem Mannheimer Mozartorchester und überraschte. Denn der Pianist vermag sich auch in die hochemotionale Musik des Bach-Sohns Johann Christian hineinzudenken.[...]

Man kann unendlich streiten über gültige Interpretationen, schon die verwendeten Instrumente bieten Anlass zu endlosen Kontroversen. Sollten Bachs Klavierwerke auf dem Flügel oder auf dem Cembalo (oder gar auf dem Clavichord) musiziert werden? Zwei große Schulen der Bach-Interpretation haben sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert: die Originalklangbewegung, die, so weit es die musikwissenschaftliche Forschung ermöglicht, die historischen Aufführungsbedingungen rekonstruiert. Und Interpreten, die in erster Linie dem Geist (und nicht den Buchstaben) der Werke entsprechen möchten, allerdings mit modernen Instrumenten.[…]

In Ingolstadt präsentierte Martin Stadtfeld zunächst das kurze f-Moll-Konzert von Johann Sebastian Bach. Ähnlich wie Gould ist Stadtfeld ein Klangfanatiker. So gleichermaßen markant perkussiv und zugleich leise und weich hat man Bach am Steinway des Konzertvereins bisher noch nicht gehört. Stadtfeld nutzte alle Möglichkeiten des modernen Flügels, seine Sinnlichkeit, seine Dynamik und entfernte sich damit sehr weit vom eindimensionalen Klangbild des Cembalos, für das dieses Konzert ursprünglich geschrieben wurde. Er hat guten Grund dazu. Denn die Forschung geht heute davon aus, dass das Konzert die Bearbeitung eines verschollenen Violin- oder Oboenkonzerts ist. Den weit gespannten, arienhaften Mittelsatz kann man nur am Flügel ansprechend darstellen. Und genau das gelang Stadtfeld mit unnachahmlicher Finesse und frappierendem Feingefühl. Wie er diese Melodiebögen spannte, wie er sie aussang und dann, am Ende des Satzes, in ein intimes Pianissimo zurückführte und dabei in der Wiederholung zarte Verzierungen hinzufügte, das war schlicht einzigartig. Fast noch verblüffender das zweite Werk, das Stadtfeld an diesem Abend vortrug, ein Klavierkonzert des Bach-Sohnes Johann Christian, ebenfalls in f-Moll – eine wahre Entdeckung. Aber vielleicht klang dieses Stück nur deshalb so tiefsinnig, so erschütternd, weil es Stadtfeld so ungemein packend darstellen konnte. Was ein wenig überraschte. Denn Stadtfeld, der Johann Sebastian Bachs Musik mit geometrischer Präzision und kristalliner Objektivität präsentiert, zeigte hier eine völlig andere Seite seiner Persönlichkeit.

Der Londoner Bach ist ein Hauptvertreter der Empfindsamkeit, seine Musik ist fast schon vorromantisch. Stadtfeld begab sich rückhaltlos in diesen Rausch der Emotionen, donnerte brutal und streichelte zärtlich über die Tasten, legte in die unscheinbarsten Einsätze ein Maximum an Gefühlsintensität. Dabei entfaltete er eine schier unglaubliche Palette an Nuancen, in denen er die ganze Zerrissenheit dieser Musik, die unzähligen kleinen, eigentlich unpassenden Einschübe und Stilbrüche geradezu zelebrierte. Da weisen die geheimnisvoll gespielten Akkordmodulationen im langsamen Satz bereits auf Schubert hin, während die virtuose Explosion im Schlusssatz in ihrer brillanten Motorik wie ein Amok laufender Johann Sebastian daherkommt.

Assistiert wurde Stadtfeld von dem souverän agierenden Mannheimer Mozartorchester unter der engagierten Leitung von Timo Jouko Herrmann.[...] Vor, zwischen und nach den Klavierkonzerten beleuchteten die Musiker den Übergang vom Barock zur Epoche der Empfindsamkeit und des Sturm und Drangs. Ohne die Grundierung durch das Basso-Continuo-Cembalo, dafür aber virtuos, mit ausdrucksvoller Klangrede und äußerst dynamisch überzeugte das Orchester besonders mit Johann Friedrich Faschs Sinfonie in B-Dur und Johann Adolph Hasses „Sinfonia g-Moll“. Wunderbare, stilsichere Darstellungen waren das – die allerdings niemals an die Faszination des Exzentrikers Martin Stadtfeld heranreichten.

Jesko Schulze Reimpell

"Bach und seine Söhne", 22. April 2017, Frauenkirche Dresden

„Meister der zarten Töne“

Martin Stadtfeld und das Mannheimer Mozartorchester in der Dresdner Frauenkirche

Wie schön, wenn sich Orchester und Solisten nicht nur auf das Konzert, also die Stücke und das Programm, sondern auch auf den Ort einstellen; die Akustik, den Nachhall, die Raumwirkung auszuloten. Timo Jouko Herrmann hatte dies wohl getan, denn sein Orchester stand nicht nur glücklicher in der Mitte des Kirchenschiffes vor dem Altarraum, es hatte sich auf den Nachhall des Raumes eingestellt. Nachhall, der nicht störende Verzögerung ist, sondern der den Schall trägt – er war ein wesentlicher Einfluß für Echowirkungen, die das Mannheimer Mozartorchester hervorbrachte, aber auch für die Eleganz, die es in manchen Stücken erreichte.

»Das musikalische Repertoire im barocken Dresden« war das Programmheft überschrieben – Kenner wissen, daß »barock« hier kein ornamentverziertes Korsett ist, sondern der Titel nicht weit genug gefaßt werden kann. Offen und neugierig waren der Hof und seine Musiker damals, Stücke, Spielpraxis und Instrumente entwickelten sich in wenigen Jahren enorm[…]

– heute sind wir in der glücklichen Lage, die lange vergessene oder verkannte Zeit »zwischen« den Musikepochen (Barock und Klassik) wiederzuentdecken.Zum Beispiel war es dazumalen üblich – völlig normal! – Konzerte nicht nur mit Verzierungen über den notierten Text hinaus persönlich zu interpretieren, sondern mit eigenen, freien und oft improvisierten Kadenzen zu gestalten. Manche Kadenz wurde dennoch notiert und blieb erhalten, so wie jene des Dresdner Kapellmeisters und Komponisten Johann David Heinichen, die er aus seinem Concerto grosso G-Dur (Seibel 215) ableitete. Im Konzert erklang sie als Ergänzung der Konzertmeisterin Kamila Namyslowska im dritten Brandenburgischen Konzert von Johann Sebastian Bach. Dieses, als Ouvertüre placiert, musizierte das Mannheimer Mozartorchester noch in Consortaufstellung stehend und ohne Dirigenten.[...]

Den restlichen Abend spielte das Orchester sitzend und mit dem Dirigenten Timo Jouko Herrmann[...]. Das Musikschränkchen offenbarte Kostbarkeiten wie jeweils eine Sinfonia B-Dur von Johann Friedrich Fasch und Carl Philipp Emanuel Bach. Auf modernen Instrumenten zeichneten die Musiker den Weg vom Barock in die »empfindsame« Zeit mit Empfindsamkeit nach, entwickelten dabei eine große Eleganz (Faschs von allen Zwängen befreite Fuge!) und virulente Lebendigkeit. Mit hellem Klang zeichneten sie die filigranen Neuheiten nach.

In zwei Konzerten stand der Solist des Abends, Martin Stadtfeld, im Mittelpunkt. Vater Bachs f-Moll-Konzert (BWV 1056) hatte Stadtfeld schon 2006 mit den Festival Strings Lucerne (Achim Fiedler) aufgenommen, seine Lesart seitdem jedoch weiterentwickelt. Während er das Eingangsthema mit etwas mehr Härte spielte, ließ Stadtfeld die Repetition leiser erklingen. Schlicht berückend geriet der zweite Satz, mit der Singstimme des Steinways und in den Raum schwebenden Pizzicati der Streicher – als sei es eine Andacht.

Als ungeheuer erhellend und bereichernd, als Entdeckung des Abends erwies sich Martin Stadtfelds zweiter Beitrag: das Konzert für Klavier und Streicher f-Moll von Johann Christian Bach (C 73). Wie der Bach-Sohn hier von der Tradition wegrückt, Gegensätzlichkeiten verbindet und die Tür zum solistischen Virtuosentum öffnet, erscheint geradezu modern. Doch auch hier profitierte das Werk von der Fähigkeit des Pianisten, Themen leise, sanft und innig zu entfalten. Wiederum überraschten die Kadenzen, in denen Stadtfeld sinnierte und phantasierte, das sangliche Thema sponn und ein Baßthema hinzuzauberte, als fügte Vater Bach – vom Himmel aus – einen Choralgesang hinzu, so daß sich Vergangenheit und Gegenwart verbanden.

Schumann als Zugabe (»Der Dichter spricht«) konnte das gar nicht mehr überbieten.

23. April 2017, Wolfram Quellmalz

Kurpfälzisches Arkadien, 9. September 2016, Peterskirche Heidelberg

Heidelberger Sinfoniker spielten unter Reinhard Goebel Werke der Mannheimer Schule

Tiefer Ernst und fröhlicher Lärm - Ehrung für Komponist Uwe Lohrmann

Die Ferien waren noch nicht zu Ende, da begann in Heidelberg bereits die neue Konzertsaison: Die Sinfoniker musizierten in der Peterskirche Werke der Mannheimer Schule unter der Leitung von Reinhard Goebel. Das Programm war zwar im Januar bereits in Mannheim zu hören, es wurde aber hier nun um einen gewichtigen Beitrag erweitert, ein Werk des in Heidelberg beheimateten Komponisten Uwe Lohrmann, der exakt in drei Monaten seinen 80. Geburtstag feiert.

Die Stadt Heidelberg würdigte einen Musiker, Pädagogen, Organisten und Dirigenten, wie Bürgermeister Dr. Joachim Gerner in seiner Laudatio betonte, der das Musikleben seit 1960 durch zahlreiche Aufführungen und Uraufführungen bereichert hat. Voll des Lobes war Gerner auch für die 1994 gegründeten Heidelberger Sinfoniker, deren Engagement und Einsatz für die Historische Aufführungspraxis der Redner hervorhob.

[...] Als Komponist der Klassischen Moderne verbunden, kam jetzt der erste Teil seines Auftragswerks "Der Opfer Hiroshimas gedenkend", das zum 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs in der japanischen Stadt uraufgeführt worden war. Timo Jouko Herrmann leitete eine tief ernste Wiedergabe dieses eindringlichen Stücks für doppeltes Streichorchester und Solovioline, die Konzertmeister Wojciech Garbowski behutsam in die Klangtextur einflocht.

Es war nicht die erste zeitgenössische Komposition, die die Heidelberger Sinfoniker realisierten, ein Orchester, das sich vornehmlich auf barocke und klassische Werke spezialisiert hat. Die Kompetenz der Musiker und ihre bemerkenswerte Klangdifferenzierung zeigten sich so auch hier. Die Wirkung des Stücks in der halligen Akustik der Peterskirche war jedenfalls hoch beeindruckend und wurde mit viel Beifall bedacht. [...]

Erstaunlich war die Musik zu Shakespeares "Hamlet", die der Musiktheoretiker und Komponist Georg Joseph Vogler um 1778 schrieb und die klanglich und satztechnisch mit dramatischen Unisono-Passagen und verwegenen harmonischen Fortschreitungen weit in die Romantik vorgreift. Da wetterleuchtet quasi schon Carl Maria von Weber, ein späterer Schüler Voglers, durch die Wolfsschluchten der Musikgeschichte.

Der Klarinettist Nemorino Scheliga [...] war der Solist im Klarinettenkonzert B-Dur von Johann Wenzel Anton Stamitz, das ohne Dirigent gespielt wurde und die grandiose Musikalität des Solisten genauso zeigte wie die seiner Mitmusiker.

Eine Sinfonie von Christian Cannabich, eine Sinfonia Concertante für zwei Klarinetten und Flöte mit Orchester von Johann Christian Bach und schließlich die mit zusätzlichen Trompeten und Pauke bestückte "Pariser Sinfonie" KV 297 von Wolfgang Amadeus Mozart rundeten das Programm ab: Was für ein herrlich-fröhlicher Lärm zum Schluß!

 

RNZ, Matthias Roth, 12.09.2016

Festliche Neujahrskonzerte "Tierisch gut!", 1. Januar 2016, Stadthalle Heidelberg

Neujahrskonzert der Heidelberger Sinfoniker: Süße Sünden in sahnigem Sound

"Tierisch gut ins Neue Jahr" ging es beim festlichen Neujahrskonzert der Heidelberger Sinfoniker [...]

Wie auf Moos gelagert klang die Szenerie der mit Dämpfer musizierenden Violinen: eine liebliche, friedliche Stimmung wurde dabei ausgebreitet, bestens geeignet, um sich ins Gras zu legen und dem Summen der Bienen zu lauschen. Schönste Idyllik in warmen Farben und träumerischer Atmosphäre eröffneten die Sinfoniker unter ihrem Gastdirigenten Stefan Klingele.

Dass dieses Orchester auch mal ohne Dirigent gekonnt musizieren kann, wurde deutlich gemacht im Scherzo aus Haydns Sinfonie Nr. 82 "Der Bär", als Klingele am Cellopult Platz nahm und die Sinfoniker gewähren ließ. Über den Bordunklängen spielten diese lustvoll rustikal und klangsatt zum Bärentanz auf. Zwei Gesangssolistinnen aus Heidelberg waren wieder mit von der Partie, die vor zwei Jahren bereits beste Eindrücke hinterließen und auch nun wieder ihr Publikum begeisterten. "Auf starkem Fittiche schwinget sich der Adler stolz", sang Eva Lebherz-Valentin die Arie aus Haydns "Schöpfung", ließ den Adler klangvoll leuchtend emporsteigen und das "zarte Taubenpaar" mit lieblich geschmeidigem Ton girren. Jugendliche Farbe hat die Sängerin immer noch in der schlanken und biegsamen Stimme. Burschikos und klanglich elegant sang ihre Tochter, die Mezzosopranistin Esther Valentin das Couplet des Orlowsky aus "Die Fledermaus": geschmeidig jauchzend und hicksend, immer klangschön.

Die Ouvertüre zur "Fledermaus" gab es gleichfalls: Der Dirigent liebt es, die Musik hingebungsvoll ausschwingen zu lassen, sich im Lyrischen zu suhlen, zwischen dem federnden Schwung. Im "Libellen-Walzer" sah und hörte man nicht nur das Insekt schwirren, sondern auch kleine Vögelchen tirilieren in der Piccoloflöte. Das blühte und glühte, walzerte und jubelte in den schönsten Farben.

Im Dirigat von Stefan Klingele entwickeln die Heidelberger Sinfoniker eine ungewohnt neue Seite, die sie unter ihrem Chefdirigenten Thomas Fey mieden wie der Teufel das Weihwasser: ein romantisch klangsattes Potenzial, einen sahnigen Karajan-Sound, wie er diesem Orchester immer ein Fremdkörper war.

Ja, die Sinfoniker können auch so, wenn sie wollen. An diesem Abend wollten sie und ihr Gastdirigent umso mehr. Die Auszüge aus Tschaikowskys "Schwa-nensee" tönten in üppig hedonistischem Sound und in schwelgerischer Spielweise, so dass man ein neues Orchester vor sich wähnte. Nun, den Musikern sei es auch mal gegönnt, mit reichem Vibrato und großem Ton aufzutrumpfen. Einmal im Jahr darf man sündigen. Für seine künftige Gangart sollte man sich aber auf seine Tugenden besinnen.

RNZ, Rainer Köhl, 4.1.2016

 

Mosbach, Sinfoniekonzert, 22. Oktober 2015, Alte Mälzerei

Die Heidelberger Sinfoniker mit dem Pianisten Haiou Zhang, unter Frieder Bernius in der Alten Mälzerei

Christof Roos freute sich, dass „dieses über die Region hinaus renommierte Orchester zum ersten Mal bei uns gastiert und hoffentlich nicht zum letzten Mal“. Der künstlerische Leiter der Reihe Mosbacher Klassische Konzerte bedankte sich bei Prof. Jürgen Kletti und seiner Firma mpdv, die als Sponsor diesen Auftritt ermöglich hat. Die Heidelberger Sinfoniker waren angereist und weil diese ohne Chefdirigent sind, war Frieder Bernius am Pult hochwillkommen. [...]
Mit Haydns Sinfonie Nr. 101 D-Dur „Die Uhr“ begann der Abend. Rasche Tempi, schlanker Klang, impulsreiche Gangart, so kennt man die Heidelberger Sinfoniker und so musizierten sie auch nun unter Bernius, der sehr viel Schwung und Sogkraft hineinbrachte. Sehr klar war sein Dirigat und ebenso durchsichtig war auch das Spiel der Sinfoniker. Überaus reaktionsstark und mit großem Engagement musizierten diese durchweg: dabei wurde nicht bequem zurückgelehnt, sondern an allen Pulten auf vorderster Stuhlkante musiziert. Bei aller Verve tönte dies immer leicht und schwerelos, unforciert. Delikate Holzbläsersoli ließen aufhorchen im „Andante“, über entspannt tickendem Uhr-Rhythmus der Streicher. Äußerst lustvoll, in federndem Elan und mitreißendem Drive fegte das Finale einher. Mit dem chinesischen Pianisten Haiou Zhang haben die Heidelberger Sinfoniker in der Vergangenheit bereits paarmal musiziert. Auf Augenhöhe und auf gemeinsamer Linie zeigten sich das Orchester und der in Hannover ausgebildete Pianist auch nun bei Mendelssohns Klavierkonzert Nr.2, d-Moll, op. 40. Einig waren sich beide Partner in einem Spiel von markantem Schwung und virtuoser, herausfordernder Lust. Attackenreiche Bravour wusste der Pianist bestens mit inniger Poesie im Lyrischen zu kontrastieren. Große Rhetorik entfaltete Zhang im langsamen Satz, den er mit ausdrucksvoller Gesanglichkeit erfüllte. Kristallklare Anschlagskunst brachte er immer in sein sehr souveränes, technisch makelloses Spiel. In Hochstimmung kam das Finale bei dem Überschwang, den der Solist und die Sinfoniker entwickelten, wobei quirlig gewitzter Geist mit leidenschaftlicher Musizierlust in schönstem Wettstreit waren. [...]
Die "Reformationssinfonie" Mendelssohns beschloss den Abend. Leidenschaftlich dramatisches Brio und stürmender Elan bestimmte das Spiel im Kopfsatz, gefolgt von aufgeräumtem Scherzogeist im zweiten Satz. Wunderbar beseelte Idyllik hörte man im Trio, der Dirigent ließ das Orchester atmen, die Farben blühen. Ohne alle weihevolle Inbrunst ertönte das Finale mit dem Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“, vielmehr gewann dies erhebende Wirkung durch den großen Schwung, den das Orchester dabei entfaltete. Mit der Zugabe des innig beseelten „Andante“-Satzes bedankten sich das Orchester und Dirigent von ihrem Publikum, das sich sichtlich begeistert zeigte. Fortsetzung erwünscht!
Heidelberger, Sinfoniekonzert, 18. Oktober 2015, Kongresshaus Stadthalle

Heidelberger Sinfoniker und Dirigent Frieder Bernius: Ein gutes Gespann

Heidelberger Sinfoniker spielten unter der Leitung von Frieder Bernius Haydn und Mendelssohn in der Stadthalle

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Die Heidelberger Sinfoniker, derzeit ohne Chefdirigenten, holten Bernius in die Stadthalle, wo Werke von Joseph Haydn und Felix Mendelssohn Bartholdy auf dem Programm standen. Haydns D-Dur-Sinfonie Hob. 101 mit dem Beinamen "Die Uhr" brauchte ein bisschen, bis sie gut im Takt lief. Aber deutlich wurde doch sogleich mit der Adagio-Einleitung, dass Frieder Bernius und die Sinfoniker ihre Kreativität aus derselben Quelle schöpfen: die historisch informierte Aufführungspraxis, die es auch mit meistenteils modernem Instrumentarium schafft, ältere Musik ihrer Zeit angemessen zu interpretieren. So klang dieser Haydn transparent und facettenreich, im Mittelteil des Andante, dessen Ticktack-Motivik dem Werk den Beinamen einbrachte, auch mit unerbittlichem Military Sound. Die Soloflöte im Menuett-Trio, aber auch Fagott und Oboe traten mit Eleganz im Ton und sicherer Leichtigkeit in der Artikulation hervor.

Schlank im Gesamtklang geriet auch Mendelssohns Musik, zunächst im Klavierkonzert Nr.2, d-Moll, op. 40. Der in Peking und Hannover ausgebildete Haiou Zhang gestaltete genauso virtuos wie poetisch und formte die Melodien im Adagio-Mittelsatz mit erlesen feinen Rubati. Die Sinfoniker unter Frieder Bernius begleiteten mit zartem Mozart-Ton, was dem Werk außerordentlich gut bekam. Zhangs perlende Virtuosität zahlte sich vor allem im Finalsatz aus, wo seine flinken Finger auch die Oktav-Achtel in der Linken sauber akzentuierten. Zwei solistische Zugaben setzten diesem Tastengeflimmer noch die Sahnehäubchen auf: Vor allem jener bekannte Marsch berauschte die Zuhörer, den Mozart aus der Türkei zu Fazil Say brachte, bevor ihn Haiou Zhang bearbeiten und nun in Heidelberg uraufführen konnte: Ein Funken sprühendes Tastenfeuerwerk. Die "Reformationssinfonie" Mendelssohns beschloss den Abend. Frieder Bernius gelang eine bemerkenswerte Balance von Sinfonik und Kirchenstil, eine Verbindung, mit der der Komponist selbst am Ende eher unzufrieden war. Hier jedoch klang das Werk überzeugend gerade in der Assimilation der unterschiedlichen Ausdrucksformen, die sich im großen Choralfinale zu einem außerordentlich dichten Ganzen steigerten. Dirigent Frieder Bernius und die Heidelberger Sinfoniker machten deutlich, dass sie hervorragend zueinander passen: Der über viele Jahre erarbeitete Klang des Orchesters und der agile Dirigierstil und große Ausdruckswille des Dirigenten ergänzten sich perfekt, ohne dass sich einer von beiden besonders verbiegen musste. Ein gutes Gespann. Auf eine weitere mögliche Zusammenarbeit kann man sich freuen.

Rhein-Neckar-Zeitung, 20-10-2015

Holzminden, Sinfoniekonzert, 13. März 2015 Stadthalle

Glanzvolle Jagd ohne Schüsse

Die Heidelberger Sinfoniker und ein Meister des Jagdhorns in der Stadthalle Holzminden

In der Veranstaltungsübersicht 2014/2015 des Kulturvereins kündigte der Eintrag für das vierte Abonnementskonzert Ungewohntes an. Die Heidelberger Sinfoniker haben noch nie in unserer Region gespielt. Was hat die Jagd, was hat ein Naturhorn in einem klassischen Symphoniekonzert zu suchen? Und wer ist eigentlich Antonio Rosetti? Am Ende des Abends zeigte das Publikum in der Stadthalle den Künstlern mit einer Standing Ovation: Es war ein tolles Musikerlebnis, eines von jenen, an die man sich lange erinnert.   

Um mit dem merkwürdigen Soloinstrument mit seiner vielfach gewundenen Röhre anzufangen, dessen Schalltrichter der Spieler mit der rechten Hand stopft und das er immer wieder drehend wenden muss, um das beim Blasen entstehende Kondenswasser zu entfernen: Es ist schon erstaunlich, welch klare, helle Töne es hervorbringt, wenn es von einem Meister wie Wilhelm Bruns gespielt wird. 

Noch erstaunlicher, wenn er erklärt, dass er die Mehrzahl dieser Töne nur durch die genau kontrollierte Spannung der Lippen und dank der vielfältigen Möglichkeiten, den Tontrichter teilweise zu stopfen, hervorbringt. Etwas weniger erstaunlich wird es, wenn man bedenkt, dass man selbst beim Singen  ja auch die unterschiedlichen Töne durch das Regulieren der Spannung der Stimmbänder, der Mundhöhle und der Lippen hervorbringt. Doch dieser Vergleich bedeutet wiederum, dass für einen Meisterhornisten wie Bruns das Instrument, das er seit 40 Jahren spielt, quasi zum Körperteil geworden ist.

Zu der Zeit, als Mozart und Haydn ihre Hornkonzerte komponierten, gab es nur das Naturhorn. Eine Generation später wurde dieses im Orchester durch das für ein breiteres musikalisches Spektrum geeignete, aber weniger glanzvoll klingende Ventilhorn verdrängt.  Diese Werke jetzt mit dem Original-Soloinstrument des 18. Jahrhunderts zu hören, war ein ganz besonderer Genuss.

Wilhelm Bruns war der Star des Abends, doch natürlich spielten die Heidelberger Sinfoniker unter der schwungvollen Leitung des Gastdirigenten Sebastian Tewinkel die tragende Rolle im Programm. Dieses wurde eröffnet und geschlossen mit zwei fast gleichzeitig komponierten Sinfonien, beide in D-Dur und beide „La Chasse“ benannt: die Sinfonie Nr.73 von Joseph Haydn und die Sinfonie M.A.13 von Antonio Rosetti. In beiden sind die Horn-Fanfaren, die diese Bezeichnung begründen, erst im letzten Satz zu hören.

Im ersten Satz von Haydns Sinfonie herrscht ein Motiv vor, das eine überraschende Ähnlichkeit zum „Schicksalsmotiv“ im ersten Satz von Beethovens 5. Sinfonie aufweist. Bei Haydn wirkt es jedoch beschwingt und heiter, ohne jede Spur von Beethovens Pathos. Die Sinfonie M.A.13 von Antonio Rosetti besticht vor allem durch ihre fantasievolle Instrumentierung. Besonders wirkungsvoll ist das Wechselspiel im zweiten Satz zwischen choralartigen Passagen der Holzbläser und dem leise gezupften Spiel der Streicher.

Weit ausgeprägter als der stilistische Unterschied zwischen diesen beiden Meistern der Frühklassik ist der Kontrast zwischen ihren Rezeptionsgeschichten. Während Haydns Ruhm nie verblasste, geriet Rosetti völlig in Vergessenheit. Er kam erst wieder ins Visier der Musikwelt, nachdem 1992 zur Feier seines 200.Todesjahres die Antonio-Rosetti-Gesellschaft gegründet wurde. Seitdem überstürzen sich die Tonträger-Aufnahmen und Live-Aufführungen seiner Werke.

Täglicher Anzeiger Holzminden, 17.03.2015

Heidelberg, Sinfoniekonzert, 22. November 2014, Kongresshaus Stadthalle

„Ein Kulturbotschafter der Stadt“

Heidelberger Sinfoniker feierten 20-jähriges Bestehen ohne ihren Chefdirigenten Thomas Fey – OB Würzner lobte „fantastische Arbeit“

Es gab viele Premieren an diesem Abend in der Stadthalle: Zum einen spielten die Heidelberger Sinfoniker erstmals nicht unter ihrem Gründer und Chefdirigenten Thomas Fey, der sich wegen eines Unfalls immer noch in der Klinik befindet. Zum anderen wagten sich die Sinfoniker aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens an eine Sinfonie von Robert Schumann. Und zum Dritten sprach Oberbürgermeister Eckart Würzner beim anschließenden Empfang über dieses „tolle Orchester“ und die „fantastische Arbeit“, die Thomas Fey hier lange Zeit geleistet habe.

Timo Jouko Herrmann war der eigentliche Retter dieses Jubiläumsauftritts, und es ist bemerkenswert, dass er als einspringender Dirigent alle Programmpunkte wie vorgesehen realisieren konnte. Er hielt das Orchester gut zusammen, konnte es befeuern und zu einem geschmeidigen, bisweilen samtigen Klang animieren. Hier unterschied er sich musikalisch vielleicht am ehesten vom seinem Freund Thomas Fey, der es gerne kratziger, kantiger mag.

Mit Konzertmeisterin Ariane Volm zeigten sich die Sinfoniker auch ohne Chef als ein konzentriert aufspielendes Team, in dem sich jeder Musiker nicht allein solistisch zu positionieren weiß, sondern stets das Ganze im Auge hat. Die präzise Vorbereitung war dabei ebenso erkennbar (etwa am exakt koordinierten Auf- und Abstrich der Streicher und der bewussten Artikulation der Einzelstimmen) wie das gelöste Musizieren (in der Mendelssohn- Ouvertüre zu „Ruy Blas“).

Musikalische Routine war nie eine Eigenschaft, die sich die Sinfoniker auf die Fahne schrieben. Es ging ihnen immer um die Neuentdeckung auch von Altbekanntem. In diesem Fall um die frühe Fassung von Schumanns Vierter Sinfonie, die zusammen mit seiner Ersten 1841 entstand, also zehn Jahre vor der Überarbeitung, die Schumann später als Vierte edierte. Diese Erstfassung erlebte in den letzten Jahren eine kleine Renaissance. Unter anderem setzte sich Simon Rattle für sie ein. In Heidelberg wurde sie vom Philharmonischen Orchester vor circa einem Jahr vermutlich das erste Mal überhaupt gespielt, was damals allerdings ohne große Aufmerksamkeit vonstatten ging. Jetzt ließen die Sinfoniker sie hören. Die Besetzung ist zwar identisch, allerdings ist die Instrumentation filigraner, auch manche Übergänge sind später neu komponiert worden. Den Hauptunterschied machte aber die auffallende Abhängigkeit vom Klavier aus, die Schumann später durch sinfonischere Instrumentation kaschierte: Häufig klingt diese Frühfassung wie eine direkte Übertragung von Klaviergedanke auf den Orchesterapparat. Die Heidelberger Sinfoniker unter Herrmanns anfeuernder Leitung präsentierten das Werk als interessanten, vollgültigen Baustein in Schumanns sinfonischem Schaffen.

In der ersten Hälfte des gut besuchten Konzertabends hörte man Beethovens Viertes Klavierkonzert mit dem Solisten Martin Stadtfeld. Dieser hat schon öfter mit den Sinfonikern musiziert und schätzt das Orchester sehr, wie er in dem Gespräch nach dem Konzert beteuerte. So fiel auch hier der gute Kontakt des Pianisten zu Dirigent und Orchester besonders auf. Stadtfeld fasste den Kopfsatz sehr sinfonisch auf und gestaltete seinen eigenen Part quasi aus der Ornamentik heraus. Diese Poesie stand auch in den folgenden Sätzen im Vordergrund, der Pianist zauberte Farben und das Orchester folgte eloquent und einfühlsam. Virtuosität erschien hier weniger auftrumpfend als verinnerlicht, was auch die Zugabe prägte: Schumanns „Der Dichter spricht“ folgte nach begeistertem Applaus Stadtfeld und die Sinfoniker zeigten sich an diesem Abend in besonderer Weise einig, und so war es kein Wunder, dass der berühmte Solist es sich nicht nehmen ließ, die Schumann-Sinfonie vom Rang aus zu verfolgen und den anschließenden Empfang zu besuchen.

OB Würzner war offenbar ebenso entzückt von dem Konzertevent. Auch wenn die Sinfoniker „nicht unser Orchester“ seien, so das Stadtoberhaupt, so würden sie doch als „Botschafter der Stadt“ in der ganzen Welt gehört. Michael Neuhaus, Erster Kontrabassist und Gründungsmitglied der Sinfoniker, freute sich über dieses Lob des Oberbürgermeisters, fügte aber hinzu, dass hinter solchen Worten auch Taten stehen sollten: Es bedürfe „einer Stadt, die wirklich hinter ihrem Kulturbotschafter steht, ihn entsprechend stabil unterstützt und ihn nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung und Ergänzung zum bestehenden städtischen Kulturleben und Stadtischen Orchester betrachtet“. In der Tat: Es wäre zu wünschen, dass die Stadt ihre derzeit ausschließlich verbale Unterstützung überdenkt. Denn auch wenn die Stadtbediensteten dieses Orchester nicht als „ihres“ ansehen mögen – die Heidelberger Musikfreunde tun es längst.

Von Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung, 24. November 2014

Großmeister in Sachen Sensibilität

Naturgemäß galten die Gedanken am Konzertabend Thomas Fey, der nach einem Unfall den Taktstock Timo Jouko Herrmann überlassen musste. Doch dieser Musiker ist den Heidelberger Sinfonikern schon lange verbunden, und sein Dirigat gab dem Orchester sicheren Halt und jene Inspiration, die das Spiel des Klangkörpers immer aufregend frisch und gleichzeitig durchdacht aufleuchten lässt.

Beim Jubiläumskonzert - 20 Jahre Heidelberger Sinfoniker - standen Klassiker auf dem Programm. Haydns Ouvertüre zum Oratorium "Die Schöpfung" blühte aus den seidenzart gedämpften Streichern auf; geheimnisvolle Ruhe und feine Färbungen durchzogen die Wiedergabe. Die selten zu hörende Ouvertüre zu "Ruy Blas" von Felix Mendelssohn Bartholdy lebte vom hochherzigen Idiom des Komponisten und gönnte dem Hörer einen glänzenden Bläsersatz ebenso wie ausgezeichnete Transparenz auch während der Tutti-Passagen. Bei Schumanns vierter Sinfonie, in der von Brahms favorisierten Urfassung gespielt, fiel die innige Verklammerung der unterschiedlichen Stimmungsgehalte auf; weitgehend ohne Vibrato erscheint der Klang immer klar und akzentuiert; Orchester und Dirigent entwarfen ein attraktives sinfonisches Gemälde voller Fantasie und Zuwendung.

Brillanter Martin Stadtfeld

Doch die größte Faszination ging von Beethovens viertem Klavierkonzert aus, denn der Solist Martin Stadtfeld hat wieder einmal als Großmeister der Sensibilität geglänzt. Wie mit dem Zauberstab stellt er die ersten Klaviertakte vor, edel, poetisch und rein. Damit gibt er den Grundton vor, der die Interpretation so nuancenreich durchzieht.

Stadtfeld beherrscht die Kunst des Klaviergesangs wie kaum ein anderer. Er gestaltet das Stück einfach wunderschön und deutlich individueller als üblich - und das Orchester geht sehr gut auf ihn ein. Es ist schon ein Glücksfall, wenn ein bekanntes Werk neu gehört werden darf. Der Poet am Klavier spielte noch Schumanns "Der Dichter spricht" als Zugabe. Das Publikum war begeistert und wünscht Thomas Fey baldige Genesung.

Von Eckhard Britsch, Mannheimer Morgen, 25. November 2014